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| Die Welt als Bühne und Konstrukt |
Für viele wird mit den bildhaften, dreidimensional erscheinenden Folienfassaden auf Steckgerüsten, die überall im Straßenbild herumstehen, ein städtebauliches Idealbild geschaffen; doch in Wirklichkeit gleichen sie Potemkinschen Dörfern. „Reine Vorhangfassade“ ist für die Puristen unter den Architekten ein schlimmes Schimpfwort. Diese Schaudörfer werden allerdings mehr und mehr zur städtebaulichen Gewissheit. Mit riesigen Werbebannern wird bei der Einrüstung zu renovierender Gebäude andererseits auch eine Menge Geld verdient. Manche dieser architektonischen Illusionen (nicht: Utopien) können wir inzwischen auch realiter bestaunen: So leben wir heute in einer Kulissenstadt, die Metropole mutiert zur Modellsiedlung.
Bürkle erschafft mit ihrer Fotografie Dokumente einer überinszenierten Wirklichkeit. Ihr Blick auf die Stadt und das architektonische Wechselspiel ist kritisch und distanziert, forschend und amüsiert zugleich; es ist eine subversive Gegenposition gegen das affirmative Bild der Tourismusbehörden. Das gilt auch für ihre konzeptionelle Aufnahmeserie „Eiscafè Venezia“, wo sie wie in einem soziologischen Feldforschungsprojekt überall in Deutschland gleichnamige Cafés aufspürte und fotografierte.
In Stefanie Bürkles Aufnahme der einzigen steinernen Gebäudeecke der Bauakademie, die dort wiedererrichtet wurde, wo sie einst stand und für deren Rekonstruktion das ehemalige DDR Außenministerium weichen musste, demonstriert dagegen auch die Macht einer einflussreichen Architekturlobby, die mit potenten Fördervereinen das historische Berlin wiederauferstehen lassen will. Mit ihren Bildern zeigt Bürkle den radikalen Wandel in der ehemaligen Frontstadt des Kalten Krieges, die nach kurzer, heftiger Diskussion wieder zur gemeinsamen deutschen Hauptstadt mutierte - mit all den darauf folgenden, gigantischen Bauaufgaben.
In einigen Aufnahmen zeigt Stefanie Bürkle die Rückseite der Architekturmodelle und entlarvt so gleich doppelt deren bloße Illusion. Gegenüber vom ehemaligen Kaisersaal am Potsdamer Platz, dessen kriegsbedingt ruinöse Steinfassade von einer Glaswand gerahmt, geschützt und so ins Heute entlassen wird, steht in einem abgezäunten Baustellenbereich eine Musterfassade, die ausgedient zu haben scheint, verlassen herum. Da wir durch Bürkles Blickwinkel nicht auf die Schauseite des Architekturmodells blicken und deren Fassade mit der architektonischen Realisierung in Verbindung setzen können, bleibt auch hier die Frage nach Nutzen oder Unsinn dieser ungewöhnlichen Stadtmöblierung unbeantwortet.
Neben der offensichtlichen, gattungsspezifischen Zuordnung in die Architekturfotografie könnte es sich bei Bürkles Bildern somit auch um inszenierte Stilleben handeln, analog zu der pointierten Formulierung des Berliner Fotografen-Kollegen Raimund Kummer, der seine Bilder von zufällig im Stadtraum vorgefundenen Alltags-Stolpersteinen als „Skulpturen im öffentlichen Raum“ betitelte.
Bürkle komponiert bewusst, auch wenn manche ihrer Bilder wie spontane Passantenblicke anmuten; sie arbeitet in Serien; doch gleichzeitig ist es eine Folge von Einzelaufnahmen eines komplexen städtebaulichen Transfers. Zusammengenommen kann man die Bildfolge faces – facades oder Bilder von der Stadt im Bau eine moderne Langzeitreportage nennen oder eine Kartographie ephemerer Baustellenarchitektur. Sie macht städtebauliche Prozesse sichtbar und transparent, exemplifiziert an Berliner Symbolbauten und -orten wie Reichstag, Palast der Republik, Staatsbibliothek oder Checkpoint Charlie.
Berlin ist bereits in den 1920er Jahren als eine Stadt beschrieben worden, die im ständigen Werden begriffen ist, die niemals fertig würde. Dieses berühmte Bonmot wird auch hier – en passant – visualisiert. Bürkle zeigt die deutsche Hauptstadt in der selbstgewählten Rolle einer exponierten Bühnensituation, sie verwandelt die Stadt mit ihren Bildern zur Kulisse ihrer selbst.
Matthias Harder, studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Philosophie in Kiel und Berlin. Seit 2004 arbeitet er als Kurator der Helmut Newton Stiftung und unterrichtet an der Freien Universität Berlin. Zuvor war er als Gastkurator am Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum u.a. für die Retrospektiven von Herbert List und Stefan Moses verantwortlich, und leitete den Kunstverein Glückstadt.
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