Stefanie Bürkle
NEWS
HOME
Zwischenstadt
Eiscafé Venezia
Loi Chao Tu
Über Loi Chao Tu
Loi Chao Tu Hanoi
Window of the World
Über Home
SWEET
Berliner Tapete
Palast Shopper
Fakelore City Bag
Site Shopping
Luxe Plaisir et Liberté
Marienhof City
CITY
Face : Facade
Nützliche Illusionen
Present-Past-Future
Beirut : Berlin
Stadt im Bau
Über City
FOTOGRAFIE
seit 2003
bis 2002
MALEREI
seit 2004
2001 - 2003
1997 - 2000
bis 1997
ZUR PERSON
Biografie
Bibliografie
Presseschau
Über die Arbeiten
LEHRE
PLACEMAKING
KONTAKT
Impresssum
ENGLISH
DRUCKVERSION
Berliner Tapete von Peter Conradi
Der ehemalige "Palast der Republik", an den Stefanie Bürkles "Berliner Tapete" erinnert, ist ein Bauwerk deutscher Geschichte. Er ist kein Glanzlicht der deutschen Architektur, so wie sein westliches Gegenstück, das ICC, das heute auch niemand mehr begeistert. Das Berliner Schloss war übrigens auch nicht "das bedeutendste Barock-Schloss nördlich der Alpen", wie uns einige der Berliner "Barock-and-Roll-Fans" erzählen wollten; es hatte einige gute, ja einzigartige Teile wie den Innenhof von Schlüter, aber insgesamt war das Schloss ein Konglomerat unterschiedlicher Bauteile und -stile, keineswegs ein Werk aus einem Guss wie etwa die Würzburger Residenz oder das Ludwigsburger Schloss.

Das im 2. Weltkrieg stark beschädigte, aber damals durchaus noch wiederaufbaubare Schloss wurde aus politischen Gründen gesprengt - eine barbarische Tat, die den Sieg über Preussen und das Deutsche Reich und den Beginn einer neuen Ära unterstreichen sollte. Nun ist der Nachfolgebau bereits Geschichte. Es waren politische Gründe, die in den 90er Jahren Bundesregierung und Berliner Senat veranlassten, die notwendige Asbest-Sanierung so vorzunehmen, dass sie zwangsweise zur Zerstörung des Palasts führen musste. Dieses Bauwerk der DDR-Geschichte sollte spurlos verschwinden.
 
Auch der Beschluss der Mehrheit der Expertenkommission und des Bundestags, anstelle des Palasts keine Architektur-Vorschläge unserer Zeit zuzulassen, sondern die Schlossfassaden 50 Jahre nach der Zerstörung als Kostüm für ein Gebäude völlig anderer Nutzung nachbauen, war überwiegend nicht städtebaulich, nicht architektonisch, sondern politisch bedingt. Der Beschluss einer Allparteienkoalition im Bundestag die Palast-Ruine möglichst rasch abzureissen aus lauter Angst, eine interessante, lebendige Zwischennutzung bis zum Abriss könnte die öffentliche Meinung für den Erhalt oder Umbau des Palasts und gegen die geplante Schloss-Inszenierung beeinflussen.

Nicht zu übersehen ist allerdings, dass sich in Berlin, wie auch andernorts, immer wieder restaurative Bestrebungen regen, um längst vergangene Bauten nachzubauen; die "Römerzeile" in Frankfurt am Main, das "Knochenhauerhaus" in Hildesheim, die "Frauenkirche" in Dresden, nächstens das in den 60er Jahren abgerissene Braunschweiger Schloss, das als bauliche Hülle eines riesigen Einkaufszentrums nachgebaut wird. In Berlin gehören die Bauten rechts und links des Brandenburger Tors dazu, die so tun, als seien sie alt, und die doch nur schlecht nachempfunden sind, und nun das Haus Bertelsmann in der nachgebauten "Kommandantur", einem belanglosen Bau, der im 19. Jahrhundert umgebaut, im 2. Weltkrieg schwer beschädigt und danach abgerissen wurde. Las Vegas aller Orten; dort wurde neulich nach einer Nachbildung des Dogenpalasts in Venedig auch ein originalgetreuer Nachbau des Münchner Hofbräuhauses erstellt.

Es ist verständlich, dass sich angesichts des rasanten ökonomischen, technischen und sozialen Wandels bei vielen Menschen Verunsicherung und Zukunftsangst mit der Sehnsucht nach einer "guten alten Zeit" verbinden, die in Wahrheit so gut nicht war. Dabei besteht die große Gefahr die Spannungen und Konflikte unserer Zeit mit ästhetisierenden Vergangenheitssymbolen zu verkleistern. Wie müssen ganz im Gegenteil sie ertragen und mit den Mitteln unserer Zeit lösen. Der Nachbau des Schlosses ist ein Zeichen von Kleinmut und Zukunftsangst, von Gedankenarmut und mangelnder Kreativität.

Die Initiative zur Zwischennutzung des leerstehenden Palasts bis zu seinem endgültigen Abriss war eine schöne Idee für eine würdevollen, kulturellen Abschied von diesem Gebäude deutscher Geschichte in der Tradition der Arbeiter- und Kulturhäuser des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Die kurze Öffnung im vergangenen Sommer hat Tausende interessierter Besucher angezogen. Der Bau wurde "ausgebeint": der gesamte Innenausbau wurde zerstört, nur noch der nackte Stahlbau und die Betondecken sind erhalten. Der Rohbau, die Palast-Ruine, hat eine eigene, ästhetische Qualität, die an Piranesis Raumphantasien erinnern kann. Dort Musik zu machen, Theater zu spielen, Happenings zu veranstalten, zu spielen und zu tanzen - das wäre eine tolle Chance für viele junge Berliner Künstler gewesen, das wäre gut für Berlin gewesen, ein Zeichen für die Vitalität und Phantasie dieser Stadt, ein Signal gegen die sich ausbreitende Müdigkeit und Perspektivelosigkeit, gegen Provinzialiät und Langeweile. Viele andere Städte in Ost- und Westdeutschland wären froh über ein solches Abbruchteil und seine Nutzungsmöglichkeiten bis zum Abriss.

Stefanie Bürkles Fototapete ist ein Beitrag zur Erinnerung, ein Zeichen des Respekts vor den Menschen und ihrer gebauten Geschichte.  Es ist nur eine Fassade, aber das gibt es ja zunehmend; die Fassade völlig losgelöst vom Gebäude dahinter, ohne Bezug zur Nutzung, zu den Innenräumen, zur Konstruktion. Austauschbare Fassaden, die den öffentlichen Raum austauschbar, beliebig machen.

Stefanie Bürkles "Berliner Tapete" eröffnet die Möglichkeit einer neuen Aneignung des Palasts - öffentlich und privat. Ich hatte die Tapete in meinem Berliner Büro in einem Neubau am Askanischen Platz und freute mich über sie und über die Reaktionen der Besucher. Das kann ich Ihnen weiterhin nur jedem empfehlen: Kaufen Sie ein paar Meter der Palast-Tapete, zur Verschönerung, zur Erinnerung, zum Nachdenken und zum Reden über uns, über unsere Zeit, über die Kunst und die Architektur, über die Vergangenheit und die Zukunft.

Peter Conradi studierte Sozialwissenschaften in den USA und Architektur in Stuttgart. Zwischen 1972 und 1998 widmete sich Peter Conradi als Bundestagsabgeordneter (SPD) dem Wohnungs- und Städtebau. 1999 bis 2004 war er Präsident der Bundesarchitektenkammer.

(Nach oben)
Suche
Datum | Date:
Aktuelle News
09.09.2010
Erster Preis Kreativwettbewerb
15.02.2010
Kunst zwischen Spurensuche und Utopie
10.02.2010
Edited by Uta Staiger, Henriette Steiner and Andrew Webber
05.02.2010
100th Exhibition
08.12.2009
bauwelt 46/09